Wie erlange ich Glückseligkeit?

Bevor sie hier erfahren, wie sie Glückseligkeit in sich entstehen lassen können, lege ich ihnen zu Beginn einen anderen Artikel – https://www.freismuth.org/ueber-den-habitus-des-stoiker/ – ans Herz. Er hat kaum 3 Seiten und erzählt ihnen alle notwendigen Grundlagen.

Aufgrund einer schwierigen wortwörtlichen Übersetzung setzen viele Autoren* die Eudaimonie und die Glückseligkeit nicht völlig gleich. Gerne lässt man Eudaimonie daher unübersetzt.

Zuerst möchte ich darlegen, was man als Stoiker unter Glückseligkeit versteht. Kennen
sie den derzeit amtierenden Dalai Lama? Sehen sie sein lächeln?


Ich versinnbildliche den Zustand der Glückseligkeit auch gerne mit einer zufrieden schnurrenden Katze. Sie sehen. Die Eudaimonie bzw. Glückseligkeit ist nicht einfach gerade Glück gehabt zu haben.
Glückseligkeit kann ein – über längere Zeit anhaltender Dauerzustand sein. Und dies galt schon in der hellenistischen Kultur, aus der auch der Stoizismus hervorgegangen ist als oberstes Erfolgskriterium.

Heutzutage kennen viele nur die big-five an Erfolgskriterien: Geld, Macht, Ruhm, Ehre, Einfluss.
Für den Stoizismus der 300 v. Chr. als Schule, von einem Mann mit dem Namen Zenon von Kition in Athen gegründet wurde, war Geld, Macht und Ruhm keine völlig wertlosen Dinge. Aber ihr Wert war weit tiefer angesetzt als bei den modernen Menschen in der heutigen Postmoderne. Warum?

Nun die big-five gelten für Stoiker als Dinge, deren Beeinflussung praktisch nicht in unserer Hand
liegt. Es liegt nicht in unserer Hand sie zu erreichen, die Erreichung liegt zu 99,9% an unserer Umwelt.
Und wenn man sein Glück an etwas hängt, das praktisch nicht in der eigenen Hand liegt, sondern von den Umständen und anderen abhängt, stürzt man zwangsläufig, früher oder später ins Unglück.

Und Unglück mochten schon die antiken Stoiker gar nicht. Dies zu verhindern war eine hohe Prämisse für das Denken der Stoiker, und zwar bis zum heutigen Tag.

Als oberstes Kriterium der meisten Menschen, die sich der stoischen Schule zuschreiben, war die Erlangung von Glückseligkeit. Und zwar über den Weg der richtigen und passenden Ethik und Tugend die man sich selbst angeeignet hat.

Und nun verrate ich ihnen ein Geheimnis, das selbst einigen Stoikern nicht ganz bewusst ist.
Glückseligkeit können sie nicht machen. Sie können nicht einfach beschließen Glückselig zu sein.
Sie können Eudaimonie nur entstehen lassen. Mit der Eudaimonie ist es nämlich ganz ähnlich
wie mit Kultur. Sie können sie nicht einfach machen, sondern sie müssen sie über Gespräche, Kommunikation, Austausch, Denken, Studieren, Reflektieren, Verinnerlichen usw. entstehen lassen.

Sie müssen also Eckpfeiler setzen, welche sie bewusst einüben können und mit einer
Heerschar von bewusst eingeübten Hilfstugenden einen Rahmen setzen,
in der Glückseligkeit gut und gerne entsteht bzw. emergiert (hervortritt).

Welche dieser Hilfstugenden können sie sich – also völlig selbstbestimmt aneignen?!

– Seelenruhe: Regen sie sich über nichts mehr auf. Sie sehen ja das dies sowieso nie etwas Positives bewirkt. Aufregung hat praktisch immer nur schlechten Einfluss. Auf ihre Umwelt, aber ganz besonders auf sie.

– Mäßigung: Müssen sie sich wirklich beim All-You-Can-Eat-Buffet den Teller so vollrammeln?
Lassen sie das. Vermutlich sind sie eh sogar ein wenig übergewichtig. Nehmen sie weniger und essen es dafür genüsslicher, entspannter und langsamer. Sie werden im All-inlusive Hotel schon nicht verhungern. Werden sie Erwachsen. Lernen sie zu warten bis sie an der Reihe sind. Nehmen sie ein kleines Stück und reichen sie den Kuchen weiter. Wenn sie das gelernt haben, sagten die alten Stoiker, werden sie vielleicht sogar eines Tages würdig sein, an den Tischen der Götter zu speisen.


– Weisheit, Klugheit, Cleverness: Es gibt verschiedene Probleme. Einfache, komplizierte und komplexe. Und je nach Problem brauchen sie eine adäquate Antwort. Einfache Probleme können sie mit einfachen Antworten lösen. Komplizierte mit komplizierten und komplexe eben mit komplexen Lösungen/Antworten. Und jetzt sage ich ihnen warum nach Weisheit streben, also zu Philosophieren,
so wichtig ist für einen Menschen der sich auf den Pfad – ein Stoiker zu werden – begeben hat.

Weisheit bedeutet nämlich die Kunst, Kompetenz und das Können mit der Komplexität unserer Umwelt adäquat umzugehen. Und die meisten Probleme in unserer Lebenswelt sind komplex. Daher erfordern sie eine komplexe Antwort, um sie zu lösen.

(Damit hat ja die Politik so große Probleme: Sie sollte komplexe Probleme lösen, kann aber ihre Wähler nicht auf einem solchen Niveau erreichen. Rund 50% einer durchschnittlichen – etwas größeren westlichen Population – kommen über einfaches denken nicht hinaus. Dann haben sie
nochmal 30% der Bevölkerung die nicht weiter mitdenken kann, als vielleicht bis in den Bereich des
komplizierten. Daher muss alle Politik in Abstimmungsdemokratien immer auch populistisch sein.
Weil sie eben die Mehrheit nicht auf einem höheren Niveau erreichen können als eben dem Niveau
des ordinären Populismus.)

– Geduld: Auch Geduld und Ausdauer sind Formen von Intelligenz. Eine der Forderungen des Stoizismus ist es also: Hören sie auf dumm zu sein. Bitte hören sie auf dumm zu sein!

– Affektarmut: Emotionen und Gefühle trügen nur ihren Intellekt und ihre Entscheidungsfähigkeit.
Um Effektarmut zu erzeugen, gibt es aber weitere Hilfspraktiken, die sie befolgen müssen.
Das eine kennen wir Stoiker unter dem Stichwort “Epoché”.
Das heißt sich eines Urteils – wozu auch immer – zu enthalten. Zumindest, wenn man es kann.
Und in einem noch früherem Stadium verhindern sie Urteile, indem sie sich schon im Ansatz einmal keine Meinung bilden. Hören sie auf sich ständig eine Meinung zu bilden. Statistisch gesehen haben sie sowieso von praktisch gar nichts eine Ahnung. Worauf beruhen also die meisten ihrer Meinungen?! Auf Unwissen, Ungewissheit und Spekulation. Und wer sein Schloss auf Unwissenheit,
Ungewissheit und Spekulation baut, geht früher oder später damit unter.

Die ablaufende Spielmechanik sieht in etwas so aus: Irgend etwas ist – oder ist geschehen. =>
Sie bilden sich eine Meinung, obwohl sie aufgrund fehlender empirischen Daten sowieso keine Ahnung haben können; danach haben sie eine Meinung und dann natürlich gleich auch ein Urteil,
weil sie so ein Genie sind, dass sie nicht nur Richter – sondern auch Henker in einem sein können….
etc.
Das führt dann zu Affekten, die oft negativ sind.

Ein Schauspiel das sie mit negativen Affekten sehen wird eine Tragödie werden.
Aber, und das empfehle ich ihnen. Hören sie auf Gefühle zu haben. Den ohne Gefühle wird aus jeder Tragödie eine Komödie. Also: Ersparen sie sich Urteile und Meinungen => Daraus entsteht Affektarmut. Und diese bewirkt das aus ihrem Leben eine Komödie und keine Tragödie wird.
Ergo: Sie schaffen ein besseres Klima zum Gedeihen von Glückseligkeit.

– Weitere Tugenden: Gerechtigkeit, Tapferkeit, Seelengröße und keinen Zielen nachjagen, die der sittlichen Entwicklung – oder der Glückseligkeit widersprechen.

– Und das wichtigste zum Schluss. Sie müssen trainieren, studieren, üben, reflektieren und verinnerlichen. Geschieht etwas über das sie sich gestern noch aufgeregt hätten – bleiben sie ruhig und denken sie an das Gebot der Seelenruhe.
Wenn sie über für sie – völlig unnötige – Meinungen und Urteile nachdenken. Verdrängen sie diese Denke mit einem bewussten Schwenk ihres Denkens an einen anderen Ort. Nötigenfalls hören sie auf bewusst zu denken und konzentrieren sich nur mehr auf ihre Atmung. Rufen sie sich immer wieder das ins Bewusstsein, welches sie auch kontrollieren können: Und das sind eben vor allem die Hilfstugenden. Wenn sie das ausreichend trainiert und geübt haben werden sie feststellen wie sich Eudaimonie von ganz alleine einstellt.

“Es steht nicht in unserer Macht, Leidenschaften zu haben oder nicht zu haben, aber es steht in unserer Macht, sie zu beherrschen.” —  Jean-Jacques Rousseau.

Das hier ist nur ein kurzer Überblick. Aber wenn sie verstanden haben, dass Glückseligkeit ein wunderbares Erfolgskriterium für jedes Lebewesen ist – und dass man es nicht einfach erzeugen, sondern nur entstehen lassen kann – hat ihnen das Lesen – dieses Artikels schon ein wenig weitergeholfen. So hoffe ich es zumindest.

Alles Gute.

Bernhard Freismuth.

—Ende—

 

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