Die sprachliche Abschottung der Wissenschaften.

(11/2015 A.D.)
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1.) Der Wortschatz.
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Zuerst sind zwei Wortschatzarten zu unterscheiden:

.) Erstens der aktive Wortschatz. Also jene Wörter die der Sprecher aktiv verwendet.
(durchschnittlich: 7.000-15.000; K.Adenauer <2.000; Shakespeare > 30.000)

.) Und zweitens der passive Wortschatz. Das sind jene Wörter die der Sprecher kennt oder erkennt.
(normal <<100.000; Shakespeare ~ total viel)

Die Anzahl der Worte die man versteht oder deren man sich aktiv bedient ist stark abhängig vom
Bildungsstand und der Sozialisation der betreffenden Person. Eins ist aber unbestritten,
einen wissenschaftlichen Artikel werden sie mit der durchschnittlichen Umgangssprache nicht
verstehen.

2.) Die Abschottung.
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Das nicht-verstehen sorgt dafür, dass das Wissen von den “Geistigen-Eliten” schwer und wenn dann nur
stark verzögert in den unteren Gefilden ankommt. Natürlich ist das Wissen der Menschheit nur ein
Tropfen im Meer der Unwissenheit dennoch würde hier mehr gehen, als das momentan der Fall ist.

Akademia verteidigt sich damit das in der Umgangssprache die nötige Präzision fehlt und viele Worte
eine geschichtliche Entwicklung hinter sich haben zu deren man sich als Autor*in bekennt, wenn man
einen historisch aufgeladenen Begriff verwendet. (Besser noch man kreiert gleich einen originären
Ausdruck.) Viele Worte in der Wissenschaft, vor allem in den Geisteswissenschaften würden sich aber
einfach durch verständlichere Ausdrücke ersetzen lassen.

Z.B.:

immanent = innewohnend, in etwas enthalten
inhärent = einer Sache innewohnend
kohärent = zusammenhängend
eo ipso = Aus sich heraus, gerade dadurch
en passant = im Vorbeigehen, beiläufig
u.s.w.

Ein Effekt der mit der Verwendung einer Sprache einhergeht die nur einem kleinen, ausgewählten
Publikum, in vollem Umfang zugänglich ist bewirkt einen gewissen Abschottungseffekt des
Faches. Und zwar gegen alle die nur beschwerlich einen Zugang zum jeweiligen Diskursuniversum finden
können. Selbst für interdisziplinäres Arbeiten ist es mittlerweile ein Hemmschuh.

Es ist ein schwerwiegender Vorwurf, aber es könnte sein das diese Abschottung durch Sprache nicht nur
unbewusst, sondern auch bewusst Anwendung findet. Ich hätte noch nie erlebt das man auf der Uni für
eine verständliche Antwort auf eine Prüfungsfrage einen Punkt mehr bekommen hätte. Das ist in
einer Prüfungssituation nachvollziehbar, weil sie ja dem/der Prüfer*in vorführen müssen das sie im
entsprechenden Diskursuniversum zu Hause sind und die Geschichte der Worte entsprechend
würdigen. Nach dem Abschluss des Studiums ist es aber gar nicht üblich von der Unverständlichkeit
der verwendeten Sprache abzuweichen. Eher im Gegenteil. Mit jeder weiteren Arbeit baut man sein
eigenes Diskursuniversum aus und zeigt der lesenden Fachgemeinschaft, dass sie das alleinige Anrecht
auf das Verständnis der erzielten Errungenschaften (der Forschung) hat. Alle die verstehen gehören
dazu. Jene die nicht verstehen-können bleiben außen vor.

Einen weiteren Aspekt kann man wohl als eine Art Immunisierung sehen. Wenn Luhmann auf die Frage:
“Welche Kritiker er am meisten fürchtet?” antwortet: “Die Dummen.”; dann zeig das eine weitere
Problematik auf. Wenn sie also eine nur gebildeten Leuten zugängliche Sprache verwenden,
immunisieren sie sich gegen Widerrede durch Ungebildete. Das ist wohl allzu menschlich dies
für sich, als Effekt, zu nutzen. Jeder hat wohl schonmal mit Untergebildeten Leuten auf Facebook
diskutiert.

Von dem Vorwurf der absichtlichen Sprachverhexung muss man vielleicht die exakten Wissenschaften
(z.B. Mathematik, Chemie, Biologie u.w.m.) ausnehmen. In diesen Fächern werden oft Wortfunktionen
gebraucht die in der Umgangssprache einfach nicht zu finden sind. Dort herrscht eher das Problem das
die Veröffentlichung von Ergebnissen in kostenpflichtigen[1] und meist recht teuren Fachjournalen
dominiert.

Die Sprache ist eines der wenigen Allgemeingüter die fast allen Menschen gemeinsam zur Verfügung
stehen könnten. Aber durch die Verwendung einer unangemessen komplizierten Ausdrucksweise wird
dieser Sachverhalt korrumpiert. Es könnte ja passieren, dass ein Außenstehender versteht was da die
Bildungselite schwafelt (spricht) und auf die Idee kommen das Herr und Frau Wohlgeborenen auch
nur mit Wasser kochen.

Also, pfeift euch nix und nehmt halt ein Wörterbuch zur Hand.


[1] Viva >sci-hub<!

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